Mit dem Moment von Puffis Geburt änderte sich: alles. Das größte Gefühl, das ich hatte, war Liebe. Das zweitgrößte: „Ich hatte vorher keine Ahnung vom Leben.“ Und auch wenn es verrückt klingt: Erst mit Kind bekam ich eine vage Ahnung, was unsere Eltern für uns getan, empfunden, durchlitten haben müssen. Mein erster Anruf nach der Entbindung ging an sie. Drei Mädchen haben sie innerhalb von 46 Monaten bekommen, siedelten mit uns nach Bayern um, weil ich einen Lungenschaden hatte, der im Gebirge auskurieren sollte.

Raus aus der Großstadt, rein in ein 2500-Seelen-Dorf, das war für meine Eltern sicher nicht leicht, aber uns haben sie das nicht spüren lassen. Wenn ich heute meine Kindheitserinnerungen in einen Topf werfe, umrühre und einen groben Blick wage, dann sehe ich: Einen wilden Dackel, der sich von niemandem etwas gefallen ließ außer uns Mädchen.

Schwestern, die wir uns an den Haaren zogen, aber abends am liebsten in einem Bett zusammen schliefen.

Frühe Freiheiten, Eis zu holen, zu unserer Omi zu laufen (die ein paar Jahre später, nach Opis Tod, zu uns in die Straße umsiedelte), in einem rostenden VW Käfer zu spielen, den jemand im nahe gelegenen Bach „abgewrackt“ hatte. In meinem Kopf finden sich endlos viele Schwimmbad-Besuche, denn Mama fand es wichtig, dass wir schwimmen lernen. Dass sie es selbst nicht konnte, hat sie dabei geschickt vor uns verborgen.

Ich sehe Brennnesselsuppe, die Hühner des Nachbarn, uns barfuß auf der Straße. Kein Baum zu hoch, um nicht drauf zu klettern. Mama, die uns wieder runter holte (auch wenn sie vorher angekündigt hatte, das nicht zu tun). Ich sehe Platzwunden, Schürfwunden, Kratzwunden und Bisswunden: Das Leben in der Natur hinterließ oft Spuren, die meine Mama meist wegpustete, obwohl wir mit Papa ja den Arzt im Haus hatten. Pusten half meistens. Und wenn nicht, war unser Papa gaaaanz vorsichtig. Nähte, klebte, versorgte. Fuhr in die nächste Notaufnahme.

Ich höre Gute-Nacht-Geschichten und sehe Wetten, dass..?, noch mit Frank Elstner.

In unserer Jugend dann sehe ich die wechselnden Autos meines Vaters: Meine Eltern müssen buchstäblich zehntausende Kilometer zurück gelegt haben, um uns „aus der Stadt“ abzuholen, 33 Kilometer waren es einfacher Weg zur nächsten Schule, Theateraufführung, Kneipe, Disco. Zum Liebeskummer, zum Besäufnis, zur ersten Zigarette und dem ersten Kuss. Immer holten meine Eltern uns ab, auch wenn sie natürlich nicht immer informiert waren, was der Abend hergegeben hatte. Ich erinnere mich an uns als gewöhnliche, also wortkarge Teenager. Die Zugverbindung war lausig. Meine Eltern fuhren und fuhren und fuhren. Ohne zu murren. Statt dessen murrten wir: Zum Dank die Pubertät ausfallen zu lassen, fiel uns nicht ein.

Ich sehe meine Mama in Schuhgeschäften, Jeansläden, Cafés, später nur noch im Café, dann wollten wir mit ihrem Geld lieber alleine los. Möglichst cool aussehen: Dazu brauchte man neue Klamotten. Und auf keinen Fall Mama im Schlepptau.

Mit dem Erwachsenenalter entließen sie uns drei nicht nur in die Ausbildung, sondern auch in immer wieder wechselnde Städte, und das mal drei: Wiesbaden, Mainz, London, Darmstadt, Frankfurt, Düsseldorf, Bristol, Florenz, Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, San Diego…. Immer waren sie da zum nächsten Umzug. Nächsten Andübeln neuer Regale. Nächsten Chartern eines Lasters.

Sie halfen bei Krankenhausaufenthalten, im Kampf gegen Liebeskummer – wenn wir mochten. Nie mehr, einmischen gab´s nicht. Ob wir uns seltener meldeten, weiter weg wohnten, weniger Zeit hatten: Sie waren da, wenn wir sie brauchten. Sie lernten Partner kennen und ließen sie ohne zu murren wieder los, auch das mal drei. Sie waren zahlende Gäste auf drei Hochzeiten, auch wenn es Mama damals schon nicht mehr gut ging. Auf jeder Hochzeit ein bisschen schlechter.

Irgendwann ging es nicht mehr, in dem Haus, das sie unseretwegen bewohnt hatten, in dem Dorf, das sie unseretwegen ausgesucht hatten.

Diesmal waren wir es, die halfen. Das Haus ausmisteten. Unsere Sachen auf unsere drei Haushalte verteilten („Wer will dieses Buch?“). Die den Umzugslaster bestellten, und sogar die Wohnungen besichtigten. Die 600 Kilometer bis Hamburg hätte Mama einfach nicht so oft geschafft.

Zufällig wohnen heute zwei von uns Schwestern in Hamburg. Und nun sind wir es, die ihnen den letzten Besuch mit dem Dackel beim Tierarzt erleichtern. Und mit zur Bank gehen zum Beratungsgespräch. Die ihnen Blumen vorbei bringen oder Kuchen. Die mal den Staubsauger in die Hand nehmen, wie Mama damals in meiner Studentenbude (damals dachte ich: Sie findet es schmutzig. Heute weiß ich: Sie wollte nur was für mich tun).

Jedes Mal, wenn wir wieder gehen, sagt Mama danke. Und jedes Mal denke ich: Ihr habt viel mehr getan. Ein Viertel von jedem von euch steckt in meinen Kindern. Dafür und für das Leben mit euch bin ich dankbar. Danke, Mami. Danke, Papi.

 

Der Text ist Teil der Blogparade #einfachmalsodanke, zu der JAKO-O eingeladen hat: http://gluecksmomente.jako-o.de/einfachmalsodanke