Im absolut regelmäßigen Abstand von etwa 365 Tagen schreibe ich meinen Jungs ein Buch voll, naja, eher ist es ein Heft.

Das kam so: Zur Geburt von Puffi bekamen wir so ein vorgedrucktes Teil geschenkt, in das man Fakten schreiben sollte wie:

Was waren andere Namen, die ihr für mich überlegt hattet?“ oder

Wenn ich ein Mädchen geworden wäre: Wie hättet ihr mich dann genannt?“

Das Problem ist nur: Ich habs versucht. Sobald ich eine der Zeilen da ausfülle, gerinnt alle Poesie, die das Leben mit Kindern eigentlich bringt, zu einem Formular. Einem Antrag auf Wissen in der Zukunft, Anhang 3b, nur gültig in Verbindung mit Beiblatt A.

Das mochte ich als Baby überhaupt nicht:______________________“

oder

Wenn meine Eltern wollten, dass ich lache, dann haben sie das gemacht: ___________________“

oder

An diesem Tag bekam ich meinen ersten Zahn:_____________________________“

Heiliger Amtsschimmel, mich möge der große Wurstgeist anknabbern, wenn ich sowas ausfüllte!

Das geht nicht. Egal, was ich in diese Zeilen schreibe: Es drückt nicht aus, wie einmalig, bezaubernd und lebensverändernd ihr seid, meine Kinder! Deswegen also schreibe ich am Ende jedes Lebensjahres drei Seiten eines Heftes voll, die das, nun, besser rüberbringen sollen. Mit Dingen wie:

Nachts wachst du auf, sagst: Wir müssen mal wieder Pizza essen – und schläfst wieder ein.“

oder

Ihr Brüder schlaft nebeneinander auf zwei Matratzen ein abends. Manchmal haltet ihr morgens Händchen. Oder ich finde euch auf einer Matratze zusammen gekuschelt, friedlich schnarchend.“

oder

Dein Lieblingslied in deinen ersten drei Jahren war die Vogelhochzeit, gesungen von Nena. Dein Lieblingshörspiel Peter und der Wolf, gesprochen von Campino. Und dann kam Florian Voigt mit seinem Zoobesuch-Lied, das ich immer und immer wieder im Auto aufdrehen musste (obwohl ich den Friseur-Song noch ein bisschen cooler fand.).“

Na, wenigstens haben sie so ein kleines Bild davon, was für spannende Charaktere sie schon als Winzlinge waren. Und sie können sich dank dieser Aufzeichnungen eine Kindheit-Revival-CD brennen, wenn sie mögen (zugegeben: Das Erscheinungsdatum ihres ersten Zahnes wird ihnen auf immer unbekannt bleiben).

Was sie dann immer noch nicht wissen und nie wissen werden, ist, wie sehr ich sie liebe. Dass ich am Tag ihrer Geburt Mama wurde und ohne sie und diesen Tag gefühlt nichts gewesen wäre.

Sie werden nie nachfühlen können, wie bedingungslos, erwartungslos und zweifellos meine Zuneigung für sie ist. 

Deswegen wollte ich heute mal ein paar Ratschläge an meine Kinder loswerden. Sie würden derzeit nicht zuhören, sie sind damit beschäftigt, einen polizeidiensthabenden Feuerwehrmann mit Zusatzqualifikation Kinderarzt zu verkörpern, der nonstop rumschreit. KA-BOOOOM. Ein Hoch auf geduldige Nachbarn.

Aber eigentlich hoffe ich eh, dass sie die Ratschläge nicht brauchen. Sie sind meine Form von Familientradition. Mein Großvater hatte lange Zeit einen Brief unter dem Wohnzimmertisch geklebt. Einen Abschiedsbrief an seine Familie, sollte ihm unerwartet etwas zustoßen. Er starb mit 72, da war kein Brief mehr. Meine Mutter suchte unter dem Tisch. Unter dem Beistelltisch. Sie suchte überall. In ihrem Schmerz hätte sie zu gern noch dieses eine Zeichen gehabt.

Das also ist mein Brief unterm Tisch.

Liebe Kinder, meine Kleinen, hey, ihr Kackabomben!

Sollte mir je etwas zustoßen, dann möchte ich, dass ihr immer noch lacht. Denn euer Lachen habe ich von Anfang an besonders geliebt. Dann möchte ich, dass ihr euch an meine Zuneigung erinnert und euch in der Welt aufgehoben fühlt. Dass ihr nicht traurig seid über mein Fehlen, sondern fröhlich, dass wir uns hatten. Darüber, dass wir im Auto Kinderlieder zusammen gegrölt haben und manchmal zu viert Mittagsschlaf gemacht.

Ich wünsche euch dann, dass ihr erkennt, dass aller Schmerz und alle Trauer mich nicht zurückbringen. Da ihr aber nur diesen einen Schuss im Universum habt und ihr keinen einzigen tränenverhangenen Nachmittag nachholen könnt, rate ich euch: geht dann raus und atmet das Leben so tief ein, wie es geht. Die Blumen duften weiter, das Meer rauscht weiter und überall warten Momente, Orte und Menschen auf euch, die alles wunderschön machen.

Feiert eure Geburtstage. Tanzt. Reist. Verwühlt euch im buschigen Fell eines Esels, wenn ihr mies drauf seid, bei mir hat das immer geholfen. Der Geruch eines Esels vertreibt einfach jeden Kummer aus Herz und Hirn, ich weiß auch nicht, wieso. Werdet doch Eselforscher und findets raus.

Überhaupt: Werdet, was ihr wollt. Warum nicht ein Polizeihubschrauber fliegender Feuerwehr-Arzt? Die Stimmbänder für das Berufsbild habt ihr!

Und wenn ihr damit fertig seid, hätte ich noch ein paar Vorschläge. Sammelt Steine und lasst sie über einen See hüpfen, lasst Drachen steigen und benutzt ein Fernglas. Fangt Brummer und lasst sie wieder frei. Übernachtet in einem Zelt und schwimmt nachts in einem See. Esst Eis zu Mittag und tragt Gummistiefel im Sommer. Und immer wenn ihr euch bei schrulligen Angewohnheiten ertappt, blickt ihr in den Himmel und denkt: Das hätte Mama auch so gemacht. Und wenn ihr bei eurem Papa seid, kuschelt ihn für mich mit, denn er ist nicht nur der beste Papa, sondern auch einer meiner drei Lieblingsmenschen.

Und jetzt verzieht euch vom Bildschirm, denn hier lauert das Leben ganz bestimmt nicht. Raus mit euch, raus. Tut, was ihr wollt. Ich bin sicher, ich höre euer Lachen, da wo ich bin.

Küsschen, Mami

 

⚓ HAMBURG-TIPP

Okay, wieder ein CD-Tipp. Aber ich habe auch oben vergessen, zu sagen: Singt, Kinder, singt! Mehr Spaß geht fast nicht. Mein Lieblings-Mitgröl-Material: „Neue Kinderlieder Zum Mitsingen“ (seht ihr?) von Florian Voigt. Liebeliebeliebe. Das ist der Hamburger, der das Zwergenorchester in Eppendorf macht. Endlich versteh ich, warum da jeder mit seinen Kindern hin will!