Längst gibt es ein Genre von Filmen, in denen die Landschaft einen der Protagonisten-Parts übernimmt, in „Der mit dem Wolf tanzt“, „Into the Wild“, jüngst „The Revenant“ mit DiCaprio, ihr wisst schon. Ich finde: Wenn die Landschaft das hergibt, ist das mit dem eigenen Leben auch so. Sie schrumpft dich allein durch ihre Großartigkeit zum Nebendarsteller deines (ja unbestritten auch unwichtigen) Daseins. Ich liebe das.

Wir sind gerade in Bayern. Vom Fenster aus sehen wir die Zugspitze. Ich blicke auf die Berge, dieses himmelblaue Blau, durchtupft von unverschämt appetitlichem, fluffigem Weiß, ich gehe durch saftiges Grün – und ich verschwinde.

Am Fuß der Berge, ganz klein.

Der Blick in die Weite des Himmels, keine Gedanken mehr.

Vogelschwärme im Ohr, sich hebenden Morgennebel in der Nase – dann stimmt plötzlich alles. Ich habe keine Lust, griechische Philosophen runterzubeten, über Pantheismus zu referieren oder Thoreau zu zitieren, ich schwelge schließlich gerade in Gedankenlosigkeit. Außerdem treffen Worte diesen Zustand so schlecht.

Ich weiß nur: Ich bin plötzlich, nach zehn Jahren in Hamburg und vorher zehn Jahren quer durch Europa und die Republik, sehnsüchtig nach Bayern.

Weil ich hier Land und Vieh in der Nase habe (dieser Koch hat eben nicht nur gesalzen, sondern ein ganzes Menü gezaubert…). Weil ich mit meinen Kindern vor die Tür trete und sie reinwerfe in die Großartigkeit der Welt – und wir uns nebenbei bemerkt in ihr auch stundenlang verlieren können. Stall misten, die rauhen Zungen der Kühe fühlen, rodeln, Schnee kneten, im Außenpool des Hallenbades aus aufs Alpenpanorama zuschwimmen, den Berg bis zum Märchenschloss hoch schnaufen…. Großartige Eindrücke feuern hier auf uns ein im Rhythmus eines Uptempo-Hits und schaffen dennoch vor allem eins: Ruhige Langsamkeit.

Dagegen scheint mir Hamburg plötzlich so farblos. Und so reizlos. In Hamburg sind Wintertage mit Kindern wenn wir ehrlich sind eine ganz schöne Herausforderung, weil du sie mit Beschäftigung füllen musst. Weil du keine Natur hast, die sich dir aufdrängt. Klar kannst du in den Wald, zum Reiten – all die Dinge tun, die man einer Großstadt eben so abringt, um ihr Grau wenn nicht aus den Augen, dann doch aus dem Sinn zu kriegen – aber all diese Bemühungen fallen so steil ab gegen die dekadente Gratiskultur der Natur hier.

Ich weiß, das hier ist eigentlich ein Hamburg-Blog. Aber heute, liebe Heimatstadt meiner Kinder, musst du einfach mal einstecken. Gegen diesen Urlaub kommst du nicht an. Bisher hatte ich jedesmal Tränen in den Augen, wenn ich auf meinem Weg zurück nach Hamburg an den Hafenkränen vorbei kam, den Geruch der Elbe ins Auto ließ und das Gefühl von Zuhause mich flutete. Ich weiß nicht, ob das nun wieder so sein wird. Denn wenn ich ein herzlos berechnender Charakter wäre, müsste ich zugeben: Deinen Wintern schulde ich keine Dankbarkeit. Zeit, dass es Frühling wird.