Ich hatte ja versprochen, häufiger über Kinderbücher hier zu schreiben, aber dann kam mal wieder das Leben dazwischen und ich schrieb – nix. Opi Günther hat über Weihnachten nämlich mal wieder dem Tod seinen 91-jährigen Hintern gezeigt und einen Herzinfarkt überlebt. Ich finde meinen Schwiegervater super, weil er ziemlich clever und irre lieb ist – und unfassbar gut alt wird. Geistig, körperlich: Neid!

Nun, uns hat seine Episode natürlich gefesselt, deswegen mal wieder mit Verspätung (und einem Hauch des Gefühls, dass Bücher vor dem Hintergrund vielleicht doch nicht so wichtig sind): Meine Favoriten 2018. Ein paar All-time-Favorites, etwas Neues, Blaues, Altes, Geborgtes. Klappt auch bei Büchern.

Bevor ich loslege, ein Wort zu Kinderbuchbesprechungen. Als ich meinen Mann kennenlernte, las er mir manchmal aus einem Buch vor, das er auch seinen Kindern immer vorgelesen hatte. Ich fand es so super, dass ich unbedingt mehr darüber erfahren wollte. Aber die, hüstel, Rezension, die ich fand, machte, dass ich vor Lachen aus dem Bett krachte. In dem Buch geht es um den Versuch eines halbseidenen Wolfs samt goldener Rolex, ein dämliches, naives Schaf aus dem Stall zu locken und zu fressen. Das ist ziemlich witzig, denn der Wolf ist schmierig und prätentiös, das Schaf saudoof und anhänglich und schnallt null, was der Typ von ihm will: Zu dumm für Instinkte, das Vieh. Irgendwie tut es dem Wolf dann auch schon fast leid, aber letztlich verhindert nur ein Zufall, dass er es nicht frisst. So. Und nun las ich nach und fand Geschwafel über den „Urkampf zwischen Wolf und Lamm“. Hurtz! Es war unsäglich, da schrieb ein Erwachsener gnadenlos durch die Soziologiebrille des geschulten Theaterwissenschaftlers, welche Sinnbezüge und Ebenen sich aus dem Werk pulen ließen. Ich finde: Das kann man machen, um besonders intellektuell zu wirken, oder wenn man einem Werk literaturwissenschaftlich begegnen will. Zugegeben: „Ein Schaf fürs Leben“ würde das tatsächlich hergeben! Aber: Das will ich hier lieber nicht tun. Ich will nur unterhaltsame Empfehlungen abgeben. Kurz und nice. Einverstanden? Dann geht`s los!

  1. Für ganz Kleine: Gute Nacht, Gorilla (von Peggy RathmannEine reine Bildergeschichte, die man selbst betextet. Story: Gorilla befreit sich und eine Bande anderer Tiere, folgt dem Wärter auf der Nachtrunde und alle legen sich zusammen mit ihm schlafen. Nur dessen Frau schnallt, was los ist … und bringt das Ding zu Ende. Sehr, sehr süße Gute-Nacht-Geschichte, die auch nach dem dreihundertsten Mal noch Spaß macht. Illustratorenkunst vom Allerfeinsten, kreative Geschichte, BOOKLOVE!

Moritz Verlag, 10,95 Euro

  1. Für Größere: Ein Schaf fürs Leben (von Anke Faust und Maritgen Matter) Habe ich ja schon geschrieben, hier das Lob obendrauf: Sprachlich anspruchsvoll, mit hintergründigem Witz erzählt und liebevoll illustriert: Ein Hammer. So fantasie- und stimmungsvoll: Love it.

Oetinger, 10 Euro.

  1. Für Kleinkinder: Pipikack (von Stephanie Blake) Auch hier ist ein Wolf der Bösewicht – er frisst aber einen kleinen Hasen, der partout nichts anderes sagen will als „Pipikack“. Hätte er sich mal einen Wortschatz der Weigerung zugelegt! Trotzdem endet das Buch statt mit dieser Moral mit einer neuen Frechheit, und neben den wahnsinnig süßen Zeichnungen ist das das Beste. Übrigens ist auch „Babyfratz“ von der gleichen Autorin sehr superst, und ich empfehle es ausdrücklich für Kinder, die gerade ein Geschwisterchen bekommen haben.

Moritz Verlag, 12,95 Euro

  1. Für Vorschulkinder: Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne (von Jakob Martin Strid)  Wenn ICH das geschrieben hätte, dann wäre ich schlagartig arrogant, weil: Sich eine solche Geschichte auszudenken, ist nichts anderes als genial. Einzigartig. Charmant. Liebevoll. Kurz: Zwei Freunde machen sich auf eine Seefahrt, um den verschollenen Bürgermeister zu suchen. Allerdings in einer Riesenbirne und nicht ganz freiwillig. Auf ihrer XS-Odyssee erleben sie allerlei Abenteuer, die alle so frischen Einfällen entsprungen sind, dass man das Buch als Erwachsener mit verschlingt! Super cool: Größere lieben den Plot, Kleinere haben dank der Bilder massig zu gucken. Meine Begeisterung ist grenzenlos.

Boje Verlag, 17 Euro

  1. Für Fantasie-Begabte: Mein Bruder aus dem Gurkenglas (von Aurelie Guillerey und Emilie Chazerand)  Ich habe das Buch gekauft, weil die Zeichnungen süß sind und mit beim Durchblättern die unverbrauchten Vergleiche auffielen (der glatzköpfige Verkäufer ist zum Beispiel „kahl wie ein Kiesel“, wie süß ist das bitte!). Dann las ich es vor und hatte kurz Angst, dass es eine „Wo kommen Kinder her“-Aufklärungsstory würde. Aber wird es nicht, die Geschichte ist Nonsens. Im Wortsinn. Ein Junge wünscht sich einen Bruder – und der herrliche, italienische Lebensmittelhändler verkauft ihm einen, im Gurkenglas. Das Geile: Dieses Fantasieding wird einfach nicht hinterfragt. Stattdessen setzt der Autor einfach noch ein oder zwei drauf. Oder drei. Das ist so erfrischend anders und nett und leichtfüßig: Ich könnte es immer und immer wieder vorlesen!

Knesebeck, 12,95 Euro

  1. Für Kichererbsen: Herr Löwe beim Friseur (von Britta Teckentrup) Hier gibt es nicht viel zu lesen, das Buch lebt von einem Knaller-Einfall, der superwitzig umgesetzt ist: Ein Löwe, viele Frisuren. Meine haben sich schon mit anderthalb darüber schlapp gelacht, und ich denke: Das ist ganz hohe Kunst der Kinderunterhaltung.

Beltz, 12,95 Euro

  1. Für tierisch kluge Köpfchen: ZOOLOGIE (von Joelle Jolivet)  Ein Bilderbuch der Superlative. Das Buch im XXXXL-Format gruppiert auf jeder Seite Dutzende Tiere mit einer Gemeinsamkeit oder einem Kontrast. „Tiere, die in der Kälte leben“, „Punkte und Streifen“, „Im Meer“ oder „Schwarz und Weiß“. Da es so groß ist, passen wirklich viele Tiere auf die Seiten, und weil sie so schön gemalt sind, gucken Kinder jedes einzelne Tier wirklich gerne an. Wir waren letztes Jahr hier im Zoologischen Museum, und die gerade anwesenden Studenten waren komplett „WOW“, weil meine Mini-Kids von 2 und 3 „ein Dugong“, „ein Weißkopfadler“ und „ein Marder“ brüllten, als sie ihnen vor die Linse gerieten. Das liegt aber nicht daran, dass ich so eine förderwütige Tiger-Mum bin. Sondern an diesem Buch, mit dem sie so, so, so viel lernen – einfach aus Begeisterung. Hätte ich beim Kauf nie erwartet, deswegen bin ich umso froher, es impulsgeshoppt zu haben.

Aladin Verlag, 26 Euro

  1. Für alle: Der Grüffelo (von Axel Scheffler und Julia Donaldson) Manchmal stehe ich literarischen Massentrends skeptisch gegenüber, hier habe ich ja auch schon beschrieben, dass mir manche Bestseller mehr Pickel als irgendwas verursachen. Deswegen wollte ich auch den Grüffelo erstmal gar nicht haben, als ich Kinder bekam. Gott, für die Asche, die für diese dämliche Annahme auf mein Haupt gehört, müsste ich einen stattlichen Forst abfackeln. Denn: Das ist brillant. Der Plot ist un-fucking-fassbar fantasievoll, die Zeichnungen so gut, dass man sie sich anders nicht mehr vorstellen kann, und ich habe das englische Original gelesen, und kann sagen: Die Übersetzung verdient ein eigenes unverhohlenes Lob. Nie, nie, nie las ich so brillante Kinderreime. Und auch wenn ich mit einem Heinz-Erhardt-dauerzitierenden Vater aufgewachsen bin, Shakespeare liebe und als Jugendliche einen emotionalen Goethe-Schiller-Battle in mir ausgefochten habe: Das ist große Lyrik, Punkt. Mit Witz, Charme und Eule. Ein Klassiker, zurecht.

Beltz, 8,95 Euro

Viel Spaß beim Lesen, und natürlich weiß ich nicht, was mir das Leben wieder so plant, aber beim nächsten Buchthema wird es um MUSIK gehen. Ich freu mich schon drauf wie ein, äh, Nussknacker.

 

⚓ HAMBURG-TIPP

Wie immer wurde mir für diesen Text nichts bezahlt. Ich habe alle Bücher selbst gekauft, und das ist keine Werbung, sondern eine Meinungsäußerung. Hier noch eine obendrauf: Ich habe für ein Buch über Hamburg in der letzten Zeit selbst ziemlich viele tolle Orte besucht. Einer davon war die Kinderbibliothek am Hühnerposten. Da kann man sich auch unfassbar toll inspirieren lassen. Ich kaufe Bücher lieber, aber das ist natürlich snobistisch zu sagen. Also: HIN da.