Meine Freundin sitzt bei mir, es ist ein harmloser Abend, irgendwann quatschen wir über unsere Kinder, und dann hat sie da ein kleines, seltsames, aber gewöhnliches Problem: Ihre Tochter geht auf die Toilette, seit sie drei ist. Aber nur fürs Pipimachen. Fürs große Geschäft verlangt sie eine Windel. Weil wir darüber beide nichts wussten, taten wir das Unvermeidliche: Wir googelten. Und die Ausbeute unserer Suche war … verrückt.

Das geht nämlich so:

„Meine Tochter ist (Alter unter 6 hier einsetzen, also 3, 4 oder 5) und macht ausschließlich Pipi in die Toilette. Ich bin am Verzweifeln, neulich hatten wir schon richtig Beef deswegen. Was soll ich tun?“

Los geht die Meinungsflut, die das Kind in unaufgebrochener Totalität schützt: „Lass ihr die Zeit.“ „Jedes Kind ist verschieden.“ „Sie ist doch noch klein!“ – und, psychologisch begründet: „Sie nutzt das als Machtkampf, weil sie gemerkt hat, dass du darauf anspringst. Lass das Thema ruhen, dann wird sie es nicht mehr so wichtig finden und von selbst auf die Toilette gehen.“ Ebenfalls aus der analytischen Ecke: „Sie wird von ganz alleine darauf kommen. Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Die Marschrichtung der Äußerungen kannte ausschließlich einen Weg: Das Kind und seinen Willen gegen die Anforderung der Fragenden zu schützen, die es „viel zu früh“, „gegen seine Natur“ und nicht entwicklungsgerecht zum großen Geschäft auf die Toilette bitten wollten. Zugrundeliegend war klar die Annahme, dass der Wunsch der Erwachsenen autoritär sei, die Weigerung des Kindes aber etwas Natürliches, das auszuleben ihm gestattet sein müsse.

Nur: Irgendwie traf keiner der Ratschläge so recht auf die Tochter meiner Freundin zu, denn die ist gar nicht mehr so klein. Sie ist eine reife Fünfjährige, hat Hobbys, sie geht ohne Probleme aufs Klo, und ein Machtkampf entsteht zwischen ihr und ihrer Mutter immer erst dann, wenn meine Freundin keine Lust mehr hat, das wirklich große Geschäft samt Windel zu beseitigen, das dem gesunden Menschenverstand nach längst im Klo hätte landen können. Der Befund nach Augenschein war: Die Tochter hatte einfach keine Lust. Und sie verteidigte eine alte Gewohnheit mit allem, was sie hatte, in Gestalt von Starrsinn, Sturheit und einem sehr kräftigen Schließmuskel: Keine Windel, kein großes Geschäft.

Da fiel uns ein, das Problem mal mit höheren Altersangaben zu googeln. Gibt es das dann noch, oder verwächst sich das wirklich so einfach wie die Ratschlagenden es orakelten, ja postulierten? Hatten sie recht, und es war ein Problem grenzautoritärer oder mindestens hektischer Eltern? Dann könnte meine Freundin sich WIRKLICH entspannen. Dann müsste sie nur warten, bis ihre Tochter von alleine auf den Trichter käme.

Das also ging so:

„Meine Tochter ist (Alter ab 6, also hier einsetzen 6, 7 oder von mir aus sogar 8) und macht ausschließlich Pipi in die Toilette. Ich bin am Verzweifeln, neulich hatten wir schon richtig Beef deswegen. Was soll ich tun?“ (Oder eben „Kein Kacka ins Klo“, oder was man Google so mitgibt).

Nun drang die Elternmeinung aus einer ganz anderen Richtung ins Netz: „Was ist da denn schief gelaufen?“, „Das hätte doch LÄNGST passieren müssen!“ und „Sprich auf jeden Fall mit einem Kinderpsychologen darüber!“ – oder, auch hier scheinbar analytisch: „Du verlierst da jeden Tag einen Machtkampf. Typisch, wenn man sich als Eltern eben mal durchsetzen müsste.“ Der Tenor umfasste nun gleich zwei Diagnosen: Versäumnis bei den Eltern – und psychologisches Problem beim Kind.

Daran sind mehrere Sachen bemerkenswert.

Erstens: Es verläuft offensichtlich eine feine Linie zwischen „Lass deinem Kind noch Zeit“ und „Es ist viel zu spät“ in der öffentlichen Meinung zu Entwicklungsschritten. Einen Graubereich scheint es nicht zu geben.

Und zweitens: Diese Altersgrenze markiert gleichzeitig den Übergang eines Bagatellproblems zum Pathologischen. Denn erst soll es alleinige Sache des Kindes sein, den Weg auf die Toilette zu finden. Und dann Sache eines Kinderpsychologen, die Gründe für die (dann) Anomalie aufzuspüren und zu, ja was eigentlich? Heilen? Kein einziger Ratschlag der Communities, in denen wir recherchierten, zielte darauf, dass Eltern sehr wohl berechtigter Weise ein Problem benennen, das es mit irgendwelchen Tricks / Verhaltensweisen / Erziehungsmaßnahmen anzugehen gelte.

Meine Freundin und ich freuten uns irgendwie über den Befund, den wir da hatten. Denn einfach gesagt, lautete der Rat der Menge: „Bis zum sechsten Geburtstag ist es ein Wahrnehmungsproblem – der Eltern. Und ab dem sechsten Geburtstag ist es ein Psychoproblem – des Kindes.“

Wir hatten Neuland gefunden: Den Scheißwurstäquator. Willkommen im Herzen des Internet.

Es kam bei den Ratschlägen kein Konzept von Anleitung, Erziehung oder, oh Schreck, Druck vor, mit dem man die Kinder dazu bewegen könnte, aufs Klo zu gehen. In der Nebeneinanderstellung wirkte das einfach schräg, denn aus medizinischer und menschlicher Sicht bedeutet das Nichtbenutzen der Toilette für die Stuhlentleerung sehr wohl Leid fürs Kind, eine Bagatellisierung ist einfach nicht angebracht. Manche Kinder bringen es mit dem Problem bis ins Krankenhaus – für eine dringend notwendige Darmentleerung. Daher ja auch der enorme Druck der Eltern, etwas zu unternehmen: Das Zeug muss raus, möglichst regelmäßig, und das gerne altersgemäß bis zur Einschulung, denn je häufiger das Kind Situationen hat, in denen es einhalten muss, desto gesundheitsschädlicher. Und kurz zur Erinnerung: Eine Fünfjährige unterwegs zu wickeln und dann zu reinigen ist kein Spaziergang, zumal wenn sie sich der Sache geniert und fürs Wickeln deswegen ein geschlossener Raum zur Verfügung stehen muss.

Also: Einigen wir uns hier mal aus Gründen des gesunden Menschenverstandes darauf, dass Eltern irgendwann sehen, dass die Zeit fürs Geschäft auf dem Klo gekommen sein sollte. Das Kind sich aber weigert. Was soll man dann tun? Ein echter Ratschlag fehlte überall! Es gab Meinungen und Vorwürfe, wir fanden Unterstellungen, Einzelerfahrungen und Verharmlosungen genauso wie Pathologisierungen. Aber einen Plan? Nope.

Wir schalteten Google ab. Und uns fiel noch was auf: KEINER der Fragenden hatte sich später noch mal ans Forum gewandt, um zu erzählen, wie sie das Problem nun angegangen waren. Immerhin: Eine Mutter hatte die zum Teil sehr negativen Unterstellungen an sie geduldig entkräftet: Nein, sie sehe nicht nur noch das Negative an ihrem Kind. Sie liebe es und lache viel mit ihm, nur wolle sie eben, dass es INS KLO KACKT. Nein, das sei kein Machtkampf als Stellvertreter-Ding, ihr Kind wolle keine Macht, sondern nur eine Windel zum Kacken. Und doch, ja, sie denke schon, dass das jetzt mal Zeit würde, denn das Kind übernachte jetzt auch bei seinen Freunden. Es kann genau sagen, wann es mal muss (denn dann verlangt es ja nach einer Windel) und es benutzt die Toilette. Also, ja, irgendwie müsste es doch auch Kacki in die Toilette machen können.

Ich habe deswegen mit unserer supersten Erzieherin gesprochen. Die sagt: Das ist gar nicht so selten. Viele Kinder vertrauen sich ihr in der Kita irgendwann an, weil sie Bauchschmerzen haben oder nicht mitwollen zum Ausflug oder-oder-oder. Und siehe da: Meine Fachfrau urteilte kein bisschen. Sie sagte nichts von Machtkämpfen, erzählte nichts von gerupftem Gras und den Kinderpsychologen hätte sie für Windelforderungen auch nicht bemüht. Statt dessen erzählte sie mir von einem Plan, den sie dann immer vorschlägt.

So macht ein Kind also irgendwann zeitnah Kacki ins Klo:

  1. Macht zusammen mit eurem Kind eine Liste: Was ist so toll am Windelhaben? Wieso ist das attraktiver als die Toilette? Dabei können ganz wertfrei alle Sachen genannt werden. „Ich bin dann noch wie ein Baby“, „Ich kann dann rumlaufen“ oder „Meine Schwester darf das noch, also will ich auch.“

  2. Dann schreibt die negativen Sachen auf: „Ich weiß, dass Mama das nicht mehr so gut findet“ oder „Dann stinkt’s im Kinderzimmer“ oder „Ich will das vor meinen Freunden geheim halten.“

Eigentlich egal, was da auf der Liste landet: Ihr unterhaltet euch normal darüber. Sein Kind besser zu verstehen, kann schließlich nie verkehrt sein! Vielleicht kann man ein paar Argumente des Kindes schon entkräften? Oder eine andere babyartige Sache wiedereinführen, also zum Beispiel ein Mulltuch zum Einschlafen reichen? Dem Großen im Tausch was erlauben, was die Kleine nicht darf? Also: Sie darf Windel, du darfst was anderes? Die Liste eröffnet Möglichkeiten!

So, und dann wird ein Plan ins Bad gehängt. Wann immer ein Kacki in der Toilette landet, kommt ein toller Aufkleber in den Kalender. Kacki in der Windel? Kein toller Aufkleber. Das ist ein irgendwie verzeihliches Belohnungssystem, mit dem man sein Kind nicht auf den Raubtierkapitalismus vorbereitet oder intellektuell auf Pawlows Hund schrumpft, sondern nice: Kinder mögen Aufkleber. WICHTIG: Jedes Kind hat seinen eigenen Kalender! Kein Geschwisterchen darf daran mitkleben.

So weit die Fachfrau. Immerhin: Ein nicht-wertender, nicht allzu laienhafter Tipp im Netz. Wenn ich der Nachwelt nix hinterlasse, dann wenigstens das hier.

Ach, und noch was: Ich glaube, dass das Familienleben manchmal scheußlich ist. Dass Kinder keinen Bock haben auf Zähneputzen, Nasenballon, die Vier-Stunden-Autofahrt heim aus dem Urlaub oder Besteck. Dass es Machtkämpfe, laute Worte, Verzweiflung, Schweiß und Tränen gibt. Deswegen glaube ich auch, dass keins der Elternpaare noch mal rückmeldete, wie das bei ihnen lief mit dem Kacki und dem Klo: Weil das eine Kind auf dem Klo Musik hören, lesen oder singen will. Das zweite allein sein mit Mama direkt vor der Tür. Das dritte einen Einlauf bekam und das vierte dann eben erstmal in die Hose machte, unter Tränen, Verzweiflung und mieser Laune aller Beteiligten. So ist sie, die Realität. Hässlich und ja, Kacke. Manchmal. Nicht nur am Scheißwurstäquator.

BILD: Pexels / Paul Green

 

⚓ HAMBURG-TIPP

In Hamburg gibt es davon abgesehen ziemlich viele und coole Wickelgelegenheiten: In fast jedem Budni. Bei JAKO-O. In der Rindermarkthalle (nicht in der Damentoilette, sondern in einem eigenen Raum!) Im Zoo, beim neuen Kids at Work. Im Café Sternchance, im 25Hours HafenCity. Die App „Babyplaces“ verrät euch immer, wo die nächstgelegene Wickelgelegenheit wartet.