Für jedes Erziehungsproblem gibt es da draußen Minimum fünf Ratgeber. Aber da geht’s immer um Kinder! Mich hat in den vergangenen Wochen eine Problematik viel härter überrascht als jede rezidivierende Trotzphase: Eltern. Eltern, die rücksichtslos, laut, unbelehrbar und unfair sind. Und zwar gegen die Kinder Anderer.

Was mir Freundinnen erzählt haben, sind wahre Perlen des menschlichen Miteinanders:

  • Auf dem Spielplatz schubst ein Neunjähriger einen Dreijährigen mit aller Wucht, die ein Größerer eben so hat. Statt ihn auf das Kräftemissverhältnis hinzuweisen und, nun ja, zu erziehen, motzt die Mutter des Großen die des Kleinen an, sie solle sich mal nicht anstellen. Ihr Kind müsse sich auf keinen Fall entschuldigen.
  • Im Sportverein mobben Eltern (!) ein normalsportliches sechsjähriges Mädchen aus der Mini-Mannschaft mit Verweis auf, Achtung: Leistung. Der Trainer, selbst kaum aus der Pubertät, gibt zu, vor dem Druck der Eltern eingeknickt zu sein: Das Mädel darf nicht mehr mitspielen.

  • Eine Mutter lenkt die Dates ihres Kindes systematisch – in Richtung der reichsten Mitschüler. Die eigentlich beste Freundin ihres Sprösslings fällt bei ihr durch. Wie die Kids sich fühlen, wenn sie sich immer und immer wieder nicht treffen dürfen? Nicht so wichtig.

Und nun kommt meine Analyse:

DAS SIND KINDER! Schon mal davon gehört, dass es in Kita und Grundschule noch nicht um SURVIVAL OF THE RICHEST oder FATTEST geht? Und dass man Kleinen nicht den Spaß an Spielplatz, Sport und Schule verdirbt, indem man sie da ausgrenzt? Schon mal überlegt, dass unsere Verantwortung nicht beim eigenen Kind endet?

Zumal einschlägige Ratgeber doch immer wieder eben jene Umgebungen als die Orte empfehlen, an denen unsere Kleinen Selbstbewusstsein tanken können…

Es ist zum Verzweifeln. Und eigentlich sollte ich nun einen Soziologen interviewen, der in super akademischen Worten erklärt, warum und wie es heutzutage zu dieser Vereinzelung der Eltern kommt, die diese an die Kinder weiterreichen – oder ihnen mitgeben, wenn man so will.

Mich interessiert aber mehr, wie man als Eltern damit zurecht kommt. Was mache ich, wenn mein Kind im Verein, in der Schule, auf dem Spielplatz Probleme hat – verursacht von den Erwachsenen (das ist der Punkt, der mich so unerwartet getroffen hat)?

Schlaflose Nächte, heulen, Auswanderungsfantasien? Und dann? ICH HABE KEINEN SCHIMMER! Deswegen habe ich meine Lieblings-Psychologin Felicitas Heyne befragt. Sie habe ich schon öfter um Rat gefragt bei Interviews, ihre Bücher sind schlau und sie ist genauso herzlich wie klug. Daher: Frau Heyne, übernehmen Sie!

Meine erste drängende Frage wäre: WARUM?

Tja, die Meinung, dass es in Kita und Grundschule noch nicht um Survival of the Richest oder Fattest geht, haben Sie aber leider ziemlich exklusiv, liebe Hanse-Mami. Zumindest in Ihrer Elterngeneration. Egal wo – im Privatleben, bei der Arbeit – überall sind wir mittlerweile auf Dauer-Wettbewerb und Dauer-Konkurrenz gepolt. Nicht mehr nur noch direkt und regional, wie früher. Sondern global und durchaus auch virtuell (denken Sie an den ständigen Zwang zur optimalen Selbstinszenierung auf sozialen Netzwerken wie Facebook & Co.!).

Und da heutzutage Kinder weder mehr eine unvermeidliche Beigabe von Beziehungen sind, noch einen finanziellen Vorteil bieten (eher ja im Gegenteil!) wie in früheren Zeiten, wo sie als Arbeitskräfte und Alterssicherung wichtig für die Eltern waren, sind sie zu Luxus-Artikeln mutiert: Kinder dienen in unserer zunehmend narzisstischen Gesellschaft ausschließlich der persönlichen Erfüllung und Lebensgestaltung der Eltern und werden in dieser Rolle leider oft mehr oder weniger zur „Verlängerung“ bzw. „Erweiterung“ deren Lebensentwurfs missbraucht. Will heißen: mein Kind hat gefälligst diejenigen meiner Ambitionen zu erfüllen (oder im besten Fall: zu übertreffen!), für die’s bei mir selber nicht gereicht hat. Und wie bekomme ich das am besten hin? Richtig, indem ich dem kleinen Goldstück möglichst vom ersten Atemzug an jeden nur möglichen Wettbewerbsvorsprung vor seinen Altersgenossen sichere! Was dann unter anderem merkwürdige Blüten bei den Angeboten für Frühförderung treibt.

Aber zwischen Optimierung des eigenen Kindes und Ausgrenzung eines anderen liegt doch noch ein Unterschied, oder?

Leider gibt es zuhauf Menschen, die durch diesen ständigen Konkurrenzdruck in unserer Gesellschaft permanent innerlich angespannt bis aggressiv rumlaufen und zu allem Übel auch noch wenig selbstsicher sind. Sie empfinden die Umwelt als tendenziell dauernd bedrohlich, vergleichen sich noch stärker als andere immerzu mit anderen und wollen unbedingt und in jedem Kontext gewinnen – im Zweifel auch auf Kosten anderer. Ob das nun der Kollege ist, der gemobbt wird, oder ob man auf der Verlängerungsschiene „mein Kind gegen deines“ spielt, ist dabei vollkommen egal.

Warum trifft das so stark das Privatleben? Das Zwischenmenschliche? Man könnte das doch auch im Job ausleben…nur so zum Beispiel.

Gerade viele Frauen scheuen sich, im Berufsleben richtig in Konkurrenz zu gehen – ihnen ist der Leistungsdruck und der Stress zu viel. Sie „flüchten“ ins Privatleben, gerne auch ins Hausfrau-und-Mutter-Sein – und da geht’s dann richtig zur Sache! Da müssen nämlich dann auf dem Umweg über den Nachwuchs die gesamte Selbstbestätigung und alle Erfolgserlebnisse her, die Frau im Berufsleben versagt geblieben sind. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich Geschichten aus meinem Freundinnenkreis darüber höre, wie da bezüglich der Gestaltung von Kindergeburtstagen oder Erstkommunionsfeiern miteinander konkurriert wird (unter den Müttern, wohlgemerkt!). Mündliche Einladung, Topfschlagen, Mohrenkopftorte und abends Würstchen im Schlafrock wie bei uns anno dunnemal? Ha, damit können Sie sich aber gleich mal eingraben gehen, liebe Hanse-Mami! Damit disqualifizieren Sie sich heutzutage ruck-zuck, und Ihr Kind gleich mit. Das zeigt alles nur, dass Sie sich nicht ausreichend für Ihr Kind engagieren, nicht weitblickend denken und Ihr Kind leider, leider damit im internationalen und globalen Wettbewerb in der Zukunft weit abgeschlagen unter „ferner liefen“ landen wird.

Öh, wie verstörend… ABER WAS NUN? Wie handle ich als Eltern richtig? Ständig auf die Barrikaden zu gehen, scheint mir sehr anstrengend und wenig zielführend, oder?

Der erste und wichtigste Rat: Sie brauchen ein dickeres Fell als Mutter! Überidentifizieren Sie sich nicht mit Ihrem Kind, auch wenn’s schwer fällt. Kinder sind emotional meist erstaunlich elastisch und nehmen vieles, was wir als Erwachsene als unerträglich, unverschämt oder extrem kränkend empfinden, viel gelassener hin. Oder sie suchen sich selbst geschickt Mittel und Wege, um beispielsweise Kontaktverbote oder Manipulationsversuche seitens der Eltern auszuhebeln. Reagieren Sie also nicht jedes Mal reflexartig als Löwenmutter, wenn Ihr Kind vermeintlich oder tatsächlich verteidigt werden muss. Trauen Sie Ihrem Kind ein bisschen was zu! Es gehört (leider!) zum Leben dazu, dass andere Leute uns unfair behandeln, uns auf die Nerven gehen, oder sich nicht so verhalten, wie wir es uns wünschen. Enttäuschungen, Verluste und Frustrationen können Sie Ihrem Kind ohnehin nicht ersparen (auch wenn der Wunsch danach vollkommen verständlich ist). Es in Watte zu packen und unter eine Käseglocke zu setzen, hilft Ihrem Kind nicht. Tatsächlich wird es in seinem späteren Leben ständig mit Ausleseverfahren, Wettbewerb und Konkurrenz konfrontiert werden. Je früher es eine gewisse Frustrationstoleranz angesichts von unangenehmen Erlebnissen und Misserfolgen entwickelt, umso besser für seinen Seelenfrieden. (Was jetzt nicht heißt, dass Sie es ständig vor die Wand laufen lassen sollen, aber die Gefahr besteht sowieso bei den wenigsten Eltern, eher im Gegenteil.) Also hinterfragen Sie auch ruhig mal kurz innerlich, ob Ihre Tochter möglicherweise wirklich nicht gerade die Stütze der Mannschaft war in den letzten Monaten, ehe Sie den Fehdehandschuh werfen. Und fragen Sie sich, welchen wunden Punkt diese Sache gerade bei IHNEN SELBST getroffen hat, dass Sie so dermaßen drauf anspringen. Haben Sie als Kind eine ähnliche Erfahrung gemacht und hätten dabei Hilfe gebraucht, die Sie nicht bekommen haben? Oder rührt das Erleben an irgendwelche eigenen geheimen Ängste oder Überzeugungen bei Ihnen (die vielleicht mit Ihrem Kind gar nicht wirklich viel zu tun haben)?

Das zweite: Statt Ihre Energie mit der Auseinandersetzung mit Eltern zu vergeuden, die ihre eigenen Minderwertigkeitskomplexe nicht im Griff haben, konzentrieren Sie sich lieber darauf, Ihr Kind zu coachen, mit solchen Situationen gut umgehen zu lernen. Damit geben Sie ihm nämlich was fürs Leben mit, nicht nur für die Kita.

Reden Sie mit Ihrem Kind und helfen Sie ihm, das, was da passiert ist, konstruktiv für sich zu nutzen. Fragen Sie es erst mal ganz neutral und interessiert, wie es selbst die Situation eigentlich erlebt / erlebt hat (ohne dabei Ihre Sicht der Dinge zu suggerieren!). Kann gut sein, dass Sie hier schon Ihre erste Überraschung erleben, wenn Ihre Tochter Ihnen verkündet, dass sie auf Handball im Verein eh keine Lust mehr hatte und längst schon viel lieber mal Karatetraining ausprobieren würde. Schwupps ist aus einer vermeintlichen Katastrophe eine Chance geworden.

Erstmal könnte da aber eine Welt zusammen brechen.

Empfindet Ihr Kind die Situation tatsächlich auch als belastend, fragen Sie behutsam nach, wie genau es sich fühlt. Wichtig ist, dass Sie sofort einhaken, wenn das Selbstwertgefühl Ihres Kindes angekratzt wird, und hier dann gleich gegensteuern.

Im Fall der Tochter, die nicht mehr mit auf die Spiele fahren darf, wäre es zum Beispiel eine gute Idee, mit ihr gemeinsam nach anderen Bereichen in Sport und Spiel zu suchen, in denen sie ausgesprochene Stärken und gute Chancen auf jede Menge Erfolgserlebnisse hat.

Im Fall der besten Freundin mit der merkwürdigen Mutter kann man behutsam, aber gezielt neue Freundschaften mit anderen Kindern fördern. So kann zumindest teilweise ein Ausgleich für den jeweils aktuellen Verlust geschaffen werden – und das Kind bekommt nicht den Eindruck, dass die Meinung eines Einzelnen (z. B. Trainer oder Freundinnenmutter) unbedingt ausschlaggebend sein muss oder gar eine absolute Wahrheit beinhaltet („ich bin eine Niete in Sport“ oder „ich bin nicht gut genug für manche als Freundin“).

Man kann solche Situationen, wenn das Kind schon etwas älter ist, auch gemeinsam mit ihm hinterfragen und alternative Sichtweisen darauf anbieten. So ist die beste Freundin mit der restriktiven Mutter ziemlich zu bedauern, oder? Sehr schade, dass sich die Arme ihre Spielgefährten nicht selbst aussuchen darf – da geht es Ihrer Tochter doch viel besser, findet sie nicht? Und die Rabauken bieten Ihrer Tochter vielleicht eine prima Gelegenheit, sich in Sachen Selbstbehauptung und notfalls auch Selbstverteidigung zu üben – vielleicht mit einem entsprechenden Ferienkurs als kleiner Starthilfe?

Übrig bleibt natürlich trotzdem ein gewisser Schmerz in beiden Fällen, aber den zu bewältigen, ist wichtig und lehrreich – und durchaus möglich für Ihr Kind, keine Sorge! Je weniger Sie selbst solche Geschehnisse dramatisieren (im Beisein Ihres Kindes, aber aber auch für sich allein in Ihrem Kopf!), desto weniger dramatisch wird auch Ihr Kind die Ereignisse wahrnehmen.

Oh, und im Fall des Neunjährigen, der den Dreijährigen schubst und seiner sozial inkompetenten Mutter: Da dürfen Sie ruhig auch mal einfach brüllen. Und anschließend hoch erhobenen Hauptes den Spielplatz verlassen. Auf einen groben Klotz gehört nämlich manchmal ein grober Keil, da hilft die beste Pädagogik nix!

 LITERATUR-TIPP

Vielleicht möchte mal jemand beginnen mit der Ratgeber-Flut in Sachen Elternerziehung? Ich schlage vor: „Oje, ich ätze!“, „Eltern brauchen Grenzen“, „Jede Mom kann freundlich werden“ oder „Warum eure Eltern Tyrannen sind“. Alternativ „Warum französische Mütter keine Zicken sind“, „Lob der Freundlichkeit“ oder schlicht „Elternjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten Jahren.“

Wer aber mehr von Felicitas Heyne lesen möchte, kann das auf ihrem sehr unterhaltsamen Blog tun: www.kanarisch.de – oder in ihren Büchern.  (Über den Link gelangt ihr zu meiner Lieblingsbuchhandlung in HH – wie immer ein unbezahlter, nicht abgesprochener und persönlicher Tipp).