Wer diesen Blog häufiger liest, weiß, dass ich mit einem Dilemma leben muss: Ich liebe Tiere. Aber ich wohne a) in der Großstadt und stehe b) dem Thema Tierhaltung sehr kritisch gegenüber. Meine Tierliebe manifestiert sich folgerichtig darin, dass ich keine habe. Das heißt, hatte –bis ich Kinder bekam.

Dass die nämlich ganz ohne Tiere aufwachsen, scheint mir irgendwie widernatürlich. Wer keine Kuh, kein Pferd, keinen Esel je gesehen hat, der kann Fleischkonsum nicht bewerten, finde ich. Der erfährt zu wenig über unseren Planeten und darüber, dass Respekt eben nicht nur Mitmenschen gegenüber einzuhalten ist, sondern allen Mitkreaturen.

Einzige Lösung aus diesem Problem: Nicht mehr arbeiten um super viel Zeit in der Natur zu verbringen. Oder beim Blick aufs Konto darüber schmunzeln und ein Tier aufnehmen, das es auf dieser Welt schon gibt. Das bis zu seinem Lebensende eine möglichst naturnahe Existenz haben soll. Ich kaufe mir ein paar Bücher über Kaninchen, sehe mir an, wie das gehen kann mit naturnah und ungestört weiterleben, und beschließe: Das kann funktionieren.

Der Rest bleibt so ziemlich an meinem Mann hängen, der vom Tag des Beschlusses an unzählige Stunden im Baumarkt und Garten verbringt. Die Tiere sollen natürlich draußen leben, dafür brauchen wir: Schutzhütte, groß. Außengehege, riesengroß. Mobiles Außengehege, damit das feste gereinigt werden kann / wechselnde Teile unserer Wiese abgeknabbert werden können. Vorgehen: Boden und Erdreich auf der gesamten Fläche abtragen. Kaninchendraht auslegen. Gehege darauf verankern, Draht daran festmachen von außen. So können die Kleinen nicht raus, keine Feinde rein. Am Draht kann sich keiner verletzen. Und die wieder drauf geschüttete Erde ermöglicht ihnen, ein Gängesystem zu graben. So wie sie es sonst auch tun würden. Noch Gras wieder drauf, fertig ist das Paradies.

Allerdings kommt nun der schräge Teil der Geschichte.

Besuch eins im Tierheim Süderstraße: „Wir haben nur chronisch kranke Tiere.“ „Ach, wissen Sie: Das ist uns egal, wir waren schon vor Wochen bei einer Tierärztin um die Ecke, sie berät uns und kommt auch. Die Kosten scheuen wir nicht, wir wollen Tieren ein gutes letztes Zuhause bieten.“ „Nein, die geben wir nicht in unerfahrene Hände.“ Abfahrt.

Besuch zwei: „Nein, diesmal haben wir nur Tiere, die aus Innenhaltung stammen.“ „Nun, es ist Juni. Nach den Gesetzen der Natur müssten sie damit lange genug Zeit haben, sich zum rechten Zeitpunkt ein Winterfell zuzulegen.“ „Nein, sehen Sie, wie gut die Tiere es in unseren Anlagen haben, die bleiben hier, bis sie wieder in Innenhaltung vermittelt werden.“

Mein Junge hält einem der Tiere eine mitgebrachte Karotte entgegen. Tierheim-Angestellte: „Guck doch mal, das Kaninchen hat schon zwei Karotten da liegen. Ich wüsste wirklich nicht, warum deine Karotte besser sein sollte als meine.“ Wir gehen wieder.

Besuch drei: „Hier wäre ein passendes Pärchen. Was haben Sie denn als Unterbringung geplant?“ Wir zeigen Handyfotos vom Bau der Anlage: Geschlossener Stall, Außenstall, Gehege. Mit Ökobiofarbe nur von außen gestrichen. Gesamtfläche rund 10 Quadratmeter. „Nein, die Ställe müssen mannshoch sein, damit sie da ordentlich sauber machen können. Schauen Sie sich bitte unsere Boxen beim Rausgehen an, wenn Ihre Unterkunft so aussieht, kriegen Sie ein Kaninchen.“

Wir passieren die Boxen, Käfige und Ställe mit vorsichtig geschätzten 50 Kaninchen, die im Tierheim leben, machen ein Handyfoto von den etwa fünf Ställen, die aussehen wie Pferdeboxen, und vor dem Tierheim bekommt unser Zweijähriger einen kleinen Anfall, weil er schon wieder kein Kaninchen mitnehmen darf – völlig zurecht, wie ich finde. Ich hätte auch gerne einen Anfall bekommen. Nur die in uns angelegte Ethik-Kommission kann verhindern, dass wir fünf Minuten Autofahrt entfernt einfach zwei Tiere im Baumarkt kaufen.

Ich verstehe nicht, wie das Tierheim Interessenten dazu treiben kann, genau das zu tun. Unser Gehege ist größer, als jeder Ratgeber empfiehlt. Ich bin körperlich in der Lage, es im Sitzen / Liegen zu putzen. Die Tierärztin ist jedesmal begeistert von den Kaninchen. Nicht mal Krallen schneiden muss sie, weil sie so viel buddeln.

Wir hatten das Gefühl, dass die Mitarbeiterin im Tierheim a) eine Quote an Nagetieren behalten will, wegen Fördergeldern? Aus eigener Sentimentalität? Wer weiß. Und dass es dort b) auf jeden Fall übertrieben wird mit der Kontrolle. Ich sehe schon ein, dass das Teil des guten Plans ist, die Tiere nicht an Idioten zu vermitteln, bei denen sie es nicht gut haben.

Aber wenn ich was sagen darf: Meine zwei Babys habe ich im Krankenhaus auch einfach so mitgekriegt. Die sind mindestens genauso aufwändig in der Haltung. Und wenn ich die Tiere im Baumarkt / beim Züchter / aus dem Kofferraum auf dem Supermarktparkplatz kaufe, dann ist genau das erreicht, was eigentlich nicht sein soll. Exakt dazu treibt einen die Politik des Tierheims aber.

Klar, bekommen haben wir trotzdem zwei: Aus Außenhaltung. Von privat. Die wären sonst auch im Tierheim gelandet. Versteckt zwischen den anderen 50 Tieren. Es geht ihnen gut. Ich würde die Dame aus dem Tierheim ja einladen, sich das anzusehen, aber ich hatte alles in allem den Eindruck, dass sie mit Tieren, die nicht in ihrem Bewegungsradius leben, ein Problem hat. Ich lass das lieber und knabber noch ne Karotte mit unseren beiden Häschen. Ist doch Ostern.